Der GM Petrosian - Schachcomputer oder Kunstwerk?

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Mythbuster
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Der GM Petrosian - Schachcomputer oder Kunstwerk?

Beitrag von Mythbuster »

Hallo zusammen,
heute möchte ich eine Review zu einem Herzensprojekt verfassen. Ich denke, viele von euch haben zumindest den Namen (Mephisto) GM Petrosian schon einmal gehört.

Ich zähle mich zu den stolzen 14 Besitzern eines solchen Kleinods und möchte heute dazu ein paar Worte verlieren.

Der GM Petrosian ist ein Projekt von Gerardo aka Berger, dem mit Sicherheit nicht nur in unserer Community bekannten Genie ... nahezu kein Schachcomputer, den er nicht reparieren kann. Dann seine unermüdliche und ehrenamtliche Arbeit an der Mess Emu. Es gibt wohl kaum jemanden, der sich um den Erhalt unserer alten Schätze verdienter macht, als Gerardo.

Aber Gerardo repariert nicht nur, er beschäftigt sich auch mit eigenen Projekten. Eines davon ist der GM Petrosian. Um direkt einen Mythos aufzuklären: Die Abkürzung "GM" steht nicht für "Großmeister", wie viele meinen, nein, es sind die Initialen seines Schöpfers.

Ich möchte an dieser Stelle einmal abschweifen ... und zur Überschrift meiner Review kommen. Im Laufe der Zeit, in der ich mich mit diesem schachlichen Kleinod befasste, reifte in mir immer mehr die Frage: Ist das noch "nur" ein Schachcomputer oder ist das Kunst, die praktisch genutzt werden kann ... dieser Gedanke kam mir aus verschiedenen Gründen ... und setzte sich immer weiter in mir fest ...

Ich denke, jeder von uns kennt den ultimativen Design Klassiker, mit dem ein Mythos begründet wurde, das Mephisto Brikett. Funktionalität und Design sind nahezu perfekt, das von fast jedem Schachcomputerfan liebevoll "Brikett" genannte Gerät steht für mich designtechnisch auf einer Stufe mit den legendären Taschenrechnern oder Stereoanlagen aus dem Hause Braun ... Menschen meines Jahrgangs werden sich erinnern ... beim Namen Dieter Rams könnte es bei manchem klingeln ...

Dieses Brikett, bzw. die Oberseite seines Gehäuses, bildet die Ausgangsbasis des Petrosian.

Statt jedoch einem Mephisto I bis III mit maximal Power eines 1802 mit (getunten) 12 MHz finden nun vier Klassiker der Schachcomputer Geschichte gemeinsam ein Zuhause:

Mephisto Glasgow Weltmeister 1984
Mephisto Amsterdam Weltmeister 1985
Mephisto Dallas Weltmeister 1986
Mephisto Roma Weltmeister 1987

Als CPU kommt ein Motorola 68.000 zum Einsatz, angetrieben mit regulär 25 MHz oder sogar 32 MHz, wie in meinem Gerät.

Was das bedeutet, möchte ich anhand eines einfachen Geschwindigkeitsvergleiches aufzeigen. Wie bekannt ist, wurde die erste Serie des originalen Mephisto Glasgow zwar offiziell mit 12 MHz ausgeliefert, da aber diverse Waitstates etc. den Computer deutlich ausbremsten, lag das Ergebnis deutlich unter dem, was man bei 12 MHz unter optimalen Bedingungen hätte erwarten können.

Ein einfacher Test belegt das. In der Grundstellung wähle ich die Analysestufe und ziehe 1. f3 ... nach exakt sechs Minuten Rechenzeit rechnen die vierschiedenen Versionen die folgenden Werte:

Mephisto Glasgow Urgerät: 2.592 Knoten
Mephisto Glasgow echte 12 MHz: 4.302 Knoten
GM Petrosian 25 MHz: 8.500 Knoten
GM Petrosian 32 MHz: 10.900 Knoten

Wir haben also die mehr als vierfache Leistung des originalen Mephisto Glasgow.

Dieser Vergleich trifft übrigens auch auf Mephisto Amsterdam, Dallas und Roma (jeweils 16 Bit) zu, da es auch hier Geräte gibt, die aus alten Glasgow Exemplaren per EPROM Tausch aufgerüstet wurden (vier EPROM Version vs. zwei EPROM Version und andere Aufkleber).

Dallas und Roma werden zudem deutlich über das Niveau der 32 Bit Varianten beschleunigt.

Für mich als Selbstspieler, der zudem nicht nur das Brikett liebt, sondern vor allem den Glasgow, bedeutet das darüber hinaus auch noch Folgendes:

Da sich die Programme vom Charakter deutlich unterscheiden, habe ich die Wahl zwischen vier verschiedenen Spielpartnern, die eine Spielstärke von ca. 1900 Elo (Glasgow) über ca. 2.000 Elo (Amsterdam), 2.100 Elo (Dallas) bis zu 2.150 Elo (Roma) ... sehr schön.

An dieser Stelle möchte ich nun wieder ein wenig abschweifen und zur Ausgangsfrage kommen ... Schachcomputer oder Kunstwerk ...

Hier wird es ein wenig kompliziert, meine Gedanken in Worte zu fassen ... ich versuche es dennoch mal ...

Wenn heute neue Schachcomputer auf dem Markt erscheinen, sind diese Geräte in der Regel mehr oder weniger technisch perfekt. Darüber hinaus sind es eigentlich normale PCs, auf denen Schachprogramme ausgeführt werden ... dazu zähle ich den Revelation, das Reflection Modulset, aber auch der neue Mephisto Phoenix zählt für mich dazu.

Dazu kommt: Schaue ich mir viele der neuen Geräte an, so befindet sich alles auf einem Chip, nichts lässt sich reparieren ... schöne neue Welt ... nachhaltig geht eigentlich anders ... aber gut.

Der GM Petrosian ist das, was für mich ein "klassischer Schachcomputer" ist ... hier wird kein Linux hochgefahren und der Glasgow emuliert, nein, hier werden Komponenten verbaut, wie es sie auch vor Jahrzehnten bereits gab ... und vermutlich auch noch lange geben wird ...

Um nicht einfach einen RasPi zu nehmen und etwas zu emulieren, sondern auf diese Weise klassische und vor allem zeitgeschichtlich korrekte Art dieses Projekt zu realisieren, war ein extrem großer Entwicklungsaufwand notwendig ... so hat Gerado eine komplett eigene Hauptplatine entwickelt und diese in kleinster Auflage fertigen lassen ... alle Teile werden dann von Hand in echter "Manufaktur" verbaut ... für mich ein Kunstwerk, das mich dazu auffordert, es anzufassen, einzuschalten und zu benutzen.

Um die unglaubliche Leistung ein wenig begreiflicher und anschaulicher zu machen, folgt eine Fotostrecke mit der Entstehung meines Petrosian:
Platine.jpg
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Das sind die Platinen. Es werden in der Tat zwei Stück benötigt, um all die Komponenten im Gehäuse bzw. dem Format eines Briketts unterzubringen.
Platine bestückt.jpg
Platine bestückt.jpg (94.82 KiB) 1372 mal betrachtet
Platine Einbau 2.jpg
Platine Einbau 2.jpg (74.79 KiB) 1372 mal betrachtet
Platine Funktionstest.jpg
Platine Funktionstest.jpg (76.61 KiB) 1372 mal betrachtet
Alle Komponenten sind gelötet, ein erster Funktionstest.
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Platine bestückt 2.jpg
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Die Platinen kommen in ihr Zuhause. Da im alten Brikett auf der Unterseite Batteriefach sowie der Platz zur das Programm Modul waren, wurde die Unterseite von Gerado komplett durch einen eigenen Entwurf und einer eigenen Herstellung ersetzt.


Das fertige Petrosian Brikett schaut dann so aus:
Fertig.jpg
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Eine Anmerkung: Ein liebevolles Detail. Damit man nicht versehentlich einen Reset ausführen kann, wurde der alte "Standby Schalter" des Briketts in eine "Restsperre" umfunktioniert ... wenn diese aktiviert wird, ist ein Reset nicht mehr möglich.
Die Rückseite.jpg
Die Rückseite.jpg (51.5 KiB) 1372 mal betrachtet
Die Rückseite. Hier findet sich auch der Schalter zur Auswahl der vier Programme, die im Petrosian friedlich vereint sind.
Anschluss.jpg
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Die Seitenansicht. Hier findet der Petrosian Anschluss an alle möglichen Mephisto Bretter ... möglich sind das ESB, aber auch andere alte Bretter.
Überflüssig zu erwähnen: Das Petrosian Brikett lässt sich auch allein ohne Brett betreiben ... so spricht nichts gegen einen Einsatz im Garten oder wo auch immer mit einem kleinen Schachbrett.



Mein Petrosian hat sein Zuhause in einem wunderschönen neuwertigen ESB 6000 gefunden. Damit man ihn anschließen kann, musste die kleine Platine, die sich im Brett befindet, ausgebaut bzw. abgeklemmt werden (ein Rückbau ist jederzeit möglich). Das fest verlötete Kabel der ESB Platine bekommt eine Verlängerung, an die das Brikett angeschlossen wird. Und so schaut das dann aus, wenn alles so zusammen ist, wie es gedacht war ... ein Schachtraum ist fertig:
Im Koffer.jpg
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Alles zusammen wird passend in einem Phoenix Case aufbewahrt ... alles zusammen wunderschön ... aber nix für Menschen mit Bandscheibenproblemen ...
Spielbereit.jpg
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Der Petrosian in Betrieb. Ich nutze ihn entweder, wie hier zu sehen, an meiner kleinen USV, die ihn für ca. 30 Stunden mit Strom versorgt oder alternativ mit einem Ansmann Netzteil ... eingestellt auf 9 Volt.

Auch hier kann man die Arbeit und die Sorgfalt, die Gerardo aufbringt, gar nicht genug lobend erwähnen. Nicht nur dass man den Petrosian mit 7,5 Volt, 9 Volt oder 12 Volt antreiben kann ... nein, auch ein Verpolungsschutz ist vorhanden, falls man doch mal unbedacht ein falsch gepoltes Netzteil anschließt.

In Betrieb.jpg
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In Betrieb 2.jpg
In Betrieb 2.jpg (52.65 KiB) 1372 mal betrachtet
Hier noch die (schlechte) Sicht auf die Zuführungen von Daten und Strom, sorry, ist etwas dunkel gewesen ...


Womit ich wieder bei der Ausgangsfrage bin ... dieses Gerät ist für mich "Entschleunigung" .... das wundervolle ESB Brett ... ein Relikt aus längst vergangenen Tagen ... am Tisch sitzen, abends, in gedimmter Beleuchtung, gemütlich eine Partie spielen ... nebenher das rollierende Display beobachten ... das ist für mich nicht nur Hobby, das ist ein Lebensgefühl für mich ... und auch wenn ich weiß, dass die meisten Menschen nur den praktischen Wert in einem Gegenstand wie einem Schachcomputer sehen und dieser Wert heute in Elo und der Anzahl der Engines und Features gemessen wird ... so hat dieser Schachcomputer für mich einen besonderen Wert und Platz in meiner Sammlung.

Ja, ich finde einen Revelation II gut, keine Frage und sicher wird auch ein Mephisto Phoenix seinen Weg machen ... aber mein Herz schlägt mindestens ebenso für Schachcomputer wie meine umgebaute Mephisto Turniermaschine oder diesen Petrosian ...

Zum Abschluss möchte ich Gerardo für seine Mühen danken, zumal ich weiß, dass er Probleme hatte, die Teile in diesen Zeiten zu bekommen. Ebenso dafür, dass er mich und jetzt auch euch an der Entstehung dieses Kleinods in Form von Fotos hat teilhaben lassen ... sie verdeutlichen in beeindruckender Weise, welche Leistung einerseits, aber auch welche Kunst in diesem Projekt steckt! Und last not least meinem Freund Micha, der bei der Vermittlung half und auch ansonsten wie immer hilfreich zur Seite stand!

Ich hoffe, euch hat das Lesen ein klein wenig Spaß gemacht.

Viele Grüße,
Sascha

PS. Diese Review erschien ursprünglich auf Schachcomputer.Info am 15. August 2022.
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Re: Der GM Petrosian - Schachcomputer oder Kunstwerk?

Beitrag von Mythbuster »

Hallo zusammen,
nachdem ich diesen Schachtraum nun rund ein halbes Jahr besitze und ihn seit meinem Geburtstag auch nutzen darf (er war mein Geburtstagsgeschenk) kann ich nach etlichen Partien ein kleines Fazit abgeben ... der Petrosian ist trotz all meiner anderen Geräte eindeutig eines meiner Lieblingsgeräte ... neben dem Mephisto Phoenix und meiner Mephisto Turniermaschine ... danach kommt der Millennium King ... was fast unfair ist, da das Programm vom King dermaßen einmalig ist ... aber gut ...

Das Spielen mit diesem Gerät ist für mich Entschleunigung und Entspanung pur ... ja, ich könnte all das mit meinem Phoenix emulieren ... dazu noch viel flexibler ... aber darum geht es nicht ... im Gegenteil: Es gibt keine "einstellbare Geschwindigkeit" ... ich muss so gegen ihn antreten, wie er ist ... fair und square ... dazu das ESB Brett ... sorry Millennium und Co ... solche Bretter baut heute niemand mehr ... könnte oder würde heute niemand mehr bezahlen wollen ... schade eigentlich.

Insofern ist jede Partie mit ihm auch eine echte Zeitreise ... :god:

Dazu kommt genau das, was ich schon in der Review beschrieb: Das hier ist ein "echter" Schachcomputer, alles fest verdrahtet ... keine kleine Linuxkiste oder Pi oder was auch immer ... das hier ist ein alter 68.000er ... und alles von Hand gebaut ... das mag man nicht "rational" fassen können, wohl aber emotional ...

Ich bin glücklich, einer der ganz wenigen Besitzer zu sein, die sich an diesem Kleinod erfreuen dürfen.

Gruß,
Sascha
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